"Telling Stories" ist auf Hawaii ein wichtiger integrativer Bestandteil des täglichen Lebens und des kulturellen Erbes (und dessen Bewahrung).
Mit "Geschichten erzählen" werden alte Traditionen weitergereicht, Kontakte gepflegt, und, in Konfliktsituationen (z.B. bei familiären Streitigkeiten) sowie bei der Erziehung Modelle zur Lösung bzw. zum Lernen angeboten.
Ich erzähle hier "Stories", die ich während meiner Lomi Lomi-Ausbildung kennen gelernt habe und andere, die ich liebe und weitergeben möchte:
Was wir von den Gänsen lernen können
Das heißt für uns: Menschen, die eine gemeinsame Richtung und einen Sinn für Gemeinschaft haben, können schneller und leichter dorthin kommen, wo sie hin möchten, weil sie im Vertrauen ineinander miteinander reisen.
Das heißt für uns: Wenn wir genauso viel Verstand haben wie die Gänse, bleiben wir in Formation mit denen, die dahin fliegen, wohin wir wollen und wir sollten bereit sein, ihre Hilfe zu akzeptieren und ihnen zu helfen.
Das heißt für uns: Es macht sich bezahlt, sich abzuwechseln und die Leitung zu teilen. Denn so wie die Gänse sind auch wir Menschen wechselseitig abhängig von unseren doch so unterschiedlichen Fähigkeiten, besonderen Gaben, Talenten und Ressourcen.
Das heißt: Wir sollten sicher sein, dass unsere "Zurufe" mutmachend sind, denn in Gruppen, in denen Mut zugesprochen wird, ist die Produktivität wesentlich größer. Die Kraft des Mutmachens ist die Art des Zuspruchs, den wir uns wünschen. Das hilft uns, unserem Herzen zu folgen und unserem Glauben treu zu bleiben.
Das heißt: Wenn wir genauso viel Verstand haben wie die Gänse, halten wir in schweren Zeiten genauso zusammen wie in Zeiten, in denen es uns gut geht und wir stark sind.
Familie heißt auf hawaiianisch OHANA.
Und in der hawaiianischen Tradition wird gesagt:
"Ohana is family and nobody
is left behind or forgotten."
Die Zwei Kammern
Eines Tages begegnete ich einer alten Frau.
Ihr Gesicht hatte Furchen, kreuz und quer. Über ihren Augen zogen sich traurige Linien zusammen, aber in ihren alten Wangen waren die Grübchen ihres Lachens geblieben.
Sie schaute mich an und sagte: "In Deinem Gesicht ist lauter Trauer, Deine Augen sind ohne Glanz und Dein Mund ist hart geworden."
"Ich bin in Trauer", sagte ich entschuldigend.
Da sagte die alte Frau: "Richte in Deinem Herzen zwei Kammern ein, Eine für die Freude und Eine für die Trauer. Kommt Trauer über Dich, dann öffne die Kammer der Trauer. Kommt aber Freude über Dich, dann öffne die Kammer der Freude."
Und mit einem Lächeln fügte sie hinzu: "Den Toten ist es wohler in der Kammer der Freude."
Charlotte Knöpfli-Widmer
Die Wölfin
Eines Tages kam eine Frau zur Wölfin.
Sie war voller Ehrfurcht und wollte die Wölfin als Lehrerin gewinnen. Also erzählte sie ihr von der Ernsthaftigkeit ihrer Suche und wie sehr sie darum bemüht sei, sich zu finden. Sie bat darum, bei der Wölfin in die Schule gehen zu dürfen. Und noch einmal erklärte sie ihr, wie sehr sie sich schon lange nach einer weisen Lehrerin gesehnt habe und wie glücklich sie sich preisen würde, wenn die Wölfin sie als Schülerin annehmen würde.
Die Wölfin hatte sich alles schweigend angehört.
Sie stand auf, trat hoheitsvoll und würdig an die Schülerin heran, legte ihr weihevoll die Hand auf den Kopf und sagte: "Gut, lasse Dich nicht beeindrucken" und fraß sie auf.
Prolog aus: Die Wege der Wölfin, Roman einer schamanischen Reise
von Ute Manan Schiran